
Herrn
Bürgermeister Patrick Anders
Minoritenstr. 2 - 6
40878 Ratingen
08.09.2026
Prüfauftrag zur Erstellung eines gesamtheitlichen Verkehrskonzeptes für die Stadt Ratingen
Beratungsfolge: StUKKMA, HAFA und RatSehr geehrter Herr Bürgermeister,
die Fraktion der Bürger-Union Ratingen beantragt:
Die Verwaltung wird beauftragt,
1. ein gesamtstädtisches, verkehrsträgerübergreifendes Verkehrskonzept für Ratingen zu erarbeiten, das Fußgänger-, Rad- und Kraftfahrzeugverkehr, ruhenden Verkehr, Liefer- und Wirtschaftsverkehr sowie ÖPNV gleichrangig betrachtet anstatt einzelne Straßenabschnitte isoliert zu planen;
2. bei der Konzepterstellung Verkehrssicherheit, Barrierefreiheit und Klimaschutz zu berücksichtigen und einzelne Sanierungs- und Umgestaltungsmaßnahmen – ins-besondere an Anschlussstellen – aufeinander abzustimmen und als Teil eines Gesamtnetzes zu planen;
3. sich dabei an den Erfahrungen europäischer Vorbildkommunen zu orientieren, insbesondere an den niederländischen Städten Houten und Utrecht und zu prüfen, welche Elemente ihrer netzartig gedachten, auf Rad- und Fußverkehr ausgerichteten Verkehrsplanung auf Ratingen übertragbar sind;
4. eine frühzeitige und breite Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen, Wirtschaft und Politik vorzusehen sowie den zeitlichen und finanziellen Rahmen der Konzepterstellung inkl. Finanzierungsvorschlag für die Haushaltsberatungen 2027 darzustellen;
5. dem zuständigen politischen Gremium regelmäßig über den Bearbeitungsstand zu berichten und das fertige Konzept einschließlich einer Prioritätenliste zur Umsetzung zur Beschlussfassung vorzulegen.
Begründung:In Ratingen werden Straßen, Kreuzungen und Wegeverbindungen häufig abschnittsweise saniert oder umgestaltet, ohne dass der jeweilige Straßenzug im Gesamtzusammenhang des städtischen Verkehrsnetzes betrachtet wird. In der Praxis führt dies immer wieder zu Problemen an Anschlussstellen: Radwege enden unvermittelt, Querungshilfen fehlen an neuralgischen Übergängen und der ruhende sowie der Lieferverkehr werden erst nachträglich in bereits umgesetzte Planungen integriert.
Einzelmaßnahmen, die für sich genommen sinnvoll erscheinen, passen im Ergebnis oft nicht zueinander.
Ein gesamtheitliches Verkehrskonzept würde demgegenüber alle Verkehrsarten – Fuß-, Rad- und Kraftfahrzeugverkehr, ruhenden Verkehr, Liefer- und Wirtschaftsverkehr sowie den ÖPNV – von Beginn an gemeinsam denken. Einzelne Sanierungs- und Umbauprojekte könnten dann als Bausteine eines abgestimmten Gesamtnetzes geplant werden, wodurch sich Nachbesserungen, Doppelplanungen und widersprüchliche Detaillösungen an Anschlussstellen vermeiden lassen. Zugleich schafft ein solches Konzept eine verlässliche Grundlage, an der sich künftige Einzelbeschlüsse orientieren können.
Wie ein solcher Ansatz in der Praxis wirkt, zeigen niederländische Kommunen eindrucksvoll. Die Stadt Houten richtet ihre Verkehrsplanung bereits seit den 1970er-Jahren konsequent am Rad- und Fußverkehr aus: Der motorisierte Verkehr wird über eine periphere Ringstraße geführt, während die Wohnquartiere untereinander nur für den Rad- und Fußverkehr direkt verbunden sind. Das Radverkehrsnetz verläuft weitgehend kreuzungsfrei und vom Autoverkehr getrennt, in der Innenstadt gilt weitgehende Autofreiheit und an den verbleibenden Kreuzungen sorgen Tempo-30-Zonen und eine Vorrangregelung für den Radverkehr für Sicherheit. Der Erfolg dieses konsequent vernetzten Konzepts lässt sich in Zahlen ablesen: Rund 40 Prozent aller Wege werden in Houten mit dem Rad und weitere rund 23 Prozent zu Fuß zurückgelegt – Werte, von denen die meisten deutschen Städte weit entfernt sind.
Dass ein solcher integrierter Ansatz auch in einer deutlich größeren und komplexeren Stadt funktioniert, zeigt Utrecht. Die niederländische Großstadt hat ihr Verkehrssystem in den vergangenen Jahren systematisch umgebaut, Straßenraum zugunsten zusammenhängender Radverkehrsnetze umgewidmet und dabei konsequent auf das Prinzip der „nachhaltigen Sicherheit“ gesetzt. Heute werden in Utrecht rund 47 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt. Entscheidend war dort ebenfalls die enge Verzahnung von Stadtentwicklung und Verkehrsplanung sowie eine zielgerichtete, über Jahre durchgehaltene Flächenverteilung zugunsten von Rad- und Fußverkehr – nicht einzelne Leuchtturm-projekte, sondern ein durchgängig gedachtes Gesamtnetz.
Die Verkehrsplanung in Houten und Utrecht ist selbstverständlich nicht eins zu eins auf Ratingen übertragbar, insbesondere unterscheiden sich Stadtgröße, Bebauungsstruktur und gewachsene Verkehrsnetze erheblich. Beide Städte zeigen jedoch, welche Erfolgsfaktoren ein gesamtheitliches Verkehrskonzept ausmachen: eine klare, langfristig verfolgte Leitlinie für die Verteilung des Straßenraums, die gleichrangige Berücksichtigung aller Verkehrsarten von Beginn an sowie ein verbindlicher Rahmen, an dem sich einzelne Sanierungs- und Umbaumaßnahmen orientieren müssen. Genau ein solcher Rahmen fehlt für Ratingen bislang.
Ein gesamtheitliches Verkehrskonzept würde nicht nur die Verkehrssicherheit und die Aufenthaltsqualität im Stadtgebiet verbessern, sondern auch dazu beitragen, städtische Mittel effizienter einzusetzen, da spätere Nachbesserungen an schlecht aufeinander abgestimmten Einzelmaßnahmen vermieden werden. Zugleich leistet eine stärkere Förderung von Rad- und Fußverkehr einen Beitrag zum Klimaschutz und entlastet das Straßennetz vom motorisierten Individualverkehr.
Die Fraktion der Bürger-Union Ratingen ist der Auffassung, dass Ratingen anstelle einer Vielzahl isolierter Einzelmaßnahmen ein verbindliches, gesamtheitliches Verkehrskonzept benötigt, das alle Verkehrsarten gleichermaßen berücksichtigt und künftigen Sanierungs- und Umgestaltungsprojekten eine verlässliche Orientierung gibt – orientiert an den Erfahrungen von Städten, die diesen Weg bereits erfolgreich gegangen sind.
Der Prüfauftrag soll deshalb eine fundierte Grundlage für die Erarbeitung und spätere Beschlussfassung eines solchen gesamtstädtischen Verkehrskonzeptes schaffen.
Mit freundlichen Grüßen
Rainer Vogt Robert Ellenbeck
Fraktionsvorsitzender 2.stellv. Fraktionsvorsitzender
Edgar Mählmann Marc Stockfisch
Ratsmitglied sach.Bürger im StUKKMA