
Herrn
Bürgermeister
Parick Anders
Minoritenstr. 2 - 6
40878 Ratingen
06.10.2026
Antrag auf Aufnahme eines Tagesordnungspunktes
Beratungsfolge: JHA, Ausschuss für Chancengleichheit und IntegrationSehr geehrter Herr Bürgermeister,
die Fraktion der Bürger-Union beantragt folgenden Tagesordnungspunkt für die im Betreff genannten Ausschüsse:
Bericht der Verwaltung und Aussprache zur Sicherung der lückenlosen Kita-Inanspruchnahme und regelmäßigen Teilnahme von Kindern mit Migrationshintergrund ab dem 3. Lebensjahr.
Die Verwaltung wird gebeten, hierzu einen mündlichen und auch schriftlichen Bericht abzugeben, der als Grundlage für eine Aussprache im Ausschuss dient. Der Bericht soll insbesondere auf folgende Fragestellungen eingehen:
1. Reale Belegungsquote ab 3 Jahren:
Wie stellt sich die tatsächliche (nicht nur rechnerische) Inanspruchnahme von Ü3-Kita-Plätzen durch Kinder mit Migrationshintergrund im Stadtgebiet – insbesondere in den Planungsbezirken West und Tiefenbroich – dar?
2. Umgang mit Fehlzeiten:
Welche Erkenntnisse liegen der Verwaltung und den freien Trägern über unregelmäßige Kita-Besuche oder längere Fehlzeiten bei dieser Zielgruppe vor, und welche Mechanismen existieren aktuell, um dem entgegenzuwirken?
3. Nutzung der Ü3-Vollversorgung: Wie kann die erfreuliche Tatsache, dass Ratingen im Ü3-Bereich eine rechnerische Versorgungsquote von über 100 % erreicht hat, strategisch genutzt werden, um verbleibende Zugangsbarrieren für Familien mit Einwanderungsgeschichte gezielt abzubauen?
Begründung:Ein verlässlicher und kontinuierlicher Kitabesuch ab dem 3. Lebensjahr ist der entscheidende Baustein für den frühzeitigen Spracherwerb, die soziale Integration und die erfolgreiche Vorbereitung auf die Grundschule. An dieser Stelle gilt es, der Verwaltung ein ausdrückliches und großes Lob auszusprechen: Durch ihre erheblichen Anstrengungen in den vergangenen Jahren ist es gelungen, eine hervorragende Betreuungsinfrastruktur in Ratingen zu schaffen. Dass im Ü3-Bereich mittlerweile eine rechnerische Versorgungsquote von über 100 % erzielt wurde, ist das Ergebnis dieser erfolgreichen Arbeit.
Rein statistisch steht dank dieses Kraftaktes für jedes Kind ab drei Jahren ein Platz zur Verfügung.
Ein rein rechnerisch vorhandener Platz garantiert in der Praxis jedoch noch nicht automatisch, dass jedes Kind diesen auch tatsächlich antritt oder verlässlich nutzt. Empirische Längsschnittstudien (u. a. des „Deutschen Jugendinstituts“ und des „Sozio-ökonomischen Panels“) belegen eine klare Korrelation zwischen einem regelmäßigen, mehrjährigen Kitabesuch und dem späteren Schulerfolg – dies gilt in ganz besonderem Maße für Kinder mit Migrationshintergrund:
-Kompensationseffekt beim Spracherwerb: Ein kontinuierlicher, täglicher Besuch über mehrere Jahre ist die zwingende Voraussetzung dafür, dass Kinder, in deren Familien zu Hause kein Deutsch gesprochen wird, bis zur Einschulung das erforderliche Sprachniveau erreichen. Unregelmäßigkeiten brechen diese Lernbiografien massiv auf.
-Erfolg bei den Schuleingangsuntersuchungen: Kinder mit Migrationshintergrund, die eine Kita ab dem 3. Lebensjahr lückenlos besucht haben, zeigen bei der Einschulungsdiagnostik signifikant seltener motorische, kognitive oder sprachliche Förderbedarfe als Kinder, die erst im letzten „Brückenjahr“ oder unregelmäßig betreut wurden.
-Höhere Übergangsquoten auf weiterführende Schulen: Die Bildungsforschung zeigt, dass der frühe und regelmäßige Kitabesuch das Risiko eines späteren Schulabbruchs drastisch senkt und die Wahrscheinlichkeit für den Übergang auf eine Realschule oder ein Gymnasium messbar erhöht.
Trotz dieser eindeutigen Faktenlage stehen wir in der Praxis vor zwei Kernherausforderungen bei Familien mit Einwanderungsgeschichte:
1. Der verspätete Einstieg: Viele Kinder werden trotz des Rechtsanspruchs ab drei Jahren erst deutlich später angemeldet. Wertvolle Zeit für die elementare Sprachförderung verstreicht ungenutzt.
2. Die mangelnde Regelmäßigkeit: Ein vergebener Kita-Platz wird nicht immer kontinuierlich in Anspruch genommen. Häufige, unentschuldigte Fehlzeiten mindern den integrativen Erfolg jedoch erheblich und gefährden die spätere Schulfähigkeit.
Da das strukturelle Defizit an Ü3-Plätzen von der Verwaltung erfolgreich behoben wurde, kann und muss sich der Fokus der Politik nun von der reinen Platzbeschaffung auf die tatsächliche, lückenlose und regelmäßige Teilnahme verlagern. Kein Kind mit Migrationshintergrund darf beim Übergang in das Bildungssystem verloren gehen.
Um im JHA und im ACI über zielgerichtete Unterstützungssysteme (wie aufsuchende Sozialarbeit, Kita-Lotsen oder Kooperationen mit den Trägern bei Fehlzeiten) debattieren zu können, bedarf es zunächst einer soliden Informationsgrundlage durch die Verwaltung. Der beantragte Bericht und die anschließende Aussprache sollen diesen Prozess konstruktiv anstoßen.
Mit freundlichen Grüßen
Rainer Vogt Roland Loos
Fraktionsvorsitzender Ratsmitglied